Thematisch oft mit Mader verwandt ist sein Zeitgenosse Robert Kraft (03.10.1869 – 10.05.1916), der oft wesentlich spannender aber oft auch oberflächlicher Phantastische Abenteuerromane für Jugendliche (Aus dem Reiche der Phantasie, 10 Hefte 1901) und Erwachsene geschrieben hat, die heute selbst antiquarisch weder für Geld noch gute Worte zu bekommen sind. Deshalb werden hier nur seine 1996 wieder neu aufgelegten Romane rezensiert. Denn schon 1908/09 sind in der Reihe Die Augen der Sphinx bei Münchmeyer in Dresden 7 Romane in 4 Bänden erschienen, die Krafts breites thematisches Spektrum zeigen, so:
1.Im Panzerautomobil um die Erde. Roman
2.Die Rätsel von Garden Hall. Roman 3.Die Wildschützen vom Kilimandscharo. Abenteuer-Roman 4.Der Herr der Lüfte. Phantastischer Roman 5.Das Hohelied der Liebe 6.Die Nihilit-Expedition. Roman 7.Novacasas Abenteuer. Roman
Die Romane Nr. 2,3 und 6 sowie der 1910 separat erschienene Titel Die neue Erde. Phantastisch-weltgeschichtlicher Roman wurden unter der Bezeichnung Die Augen der Sphinx in 4 Bänden in einer Kassette im Karl May Verlag, Bamberg 1996 nach mehr als 80 Jahren wieder neu herausgegeben und sind auch heute nach 14 Jahren immer noch für 34,90 Euro lieferbar. Das dies eine lohnende Anschaffung für alle Freunde von Abenteuern, Science Fiction und Fantasy ist, sollen die folgenden Rezensionen beweisen:
Die neue Erde (1910), 309 S.
ist eine höchst originelle, düstere Weltuntergangsutopie und ein vergessenes Meisterwerk der deutschen Science Fiction. Ein nichterkannter Komet trifft die Erde völlig überraschend am 1. Januar und bewirkt eine Erdachsenverschiebung um 90*, so das Singapur nun am Nordpol liegt und Leipzig am Äquator. Nun beschreibt Kraft in 6 Teilen (von denen allerdings nur 2 Teile 1910 erschienen sind), wie sich die wenigen Reste der Menschheit an verschiedenen Orten in den nächsten Jahren weiterentwickeln, in dem sie sich den neuen örtlichen Gegebenheiten anpassen. Im 1. Teil Claudius der Prophet überleben der geniale Heermann Claudius mit der hübschen Tochter Eva seines Kapitäns in einem vereisten Singapur und gründen eine 3-Kasten Gesellschaft aus unwissenden indischen Arbeitern, praktischen Kriegern und den herrschenden Priestern mit einer Lügenreligion, die ihren Machterhalt auf Dauer sichern soll. Im 2. Teil In den Ruinen Leipzigs überleben 2 Dachdecker mit ihren Freundinnen in einem tropischen Leipzig, wo sie sich langsam zu Stadtindianern zurück entwickeln. Kraft hat in einer äußerst spannenden Weise geschildert, wie sich nach einer Weltkatastrophe einzelne überlebende Menschengruppen je nach ihren intellektuellen Fähigkeiten aber viel mehr noch durch die neuen Umweltbedingungen in neuen Gesellschaftssystemen anzupassen versuchen. Die weiteren 4 Teile brachten die Schicksale weiterer an anderen Orten Überlebenden und hatten folgende Überschriften: Karrakaß der Kannibale, Die Hundereiter und die Zyklopen, Im Land der Amazonen, Es ging ein großes Sterben. Sehr schade, dass Kraft diese Ideen nicht weiter ausgeführt hat und sich stattdessen mit Atalanta.Die Geheimnisse des Sklavensees (1911), Das Gauklerschiff.Die Irrfahrten der Argonauten (1912) und Das zweite Gesichtoder Die Verfolgung rund um die Erde (1913) wieder dem finanziell lukrativeren Geschäft des Kolportagelieferungsromans widmete. Kraft hatte den 2. Teil In den Ruinen Leipzigs bereits 1901 in veränderter Form als Die Totenstadt veröffentlicht und als Vorstudie für den 1. Teil dienten Die indischen Eskimos (1901). Durch Fritz Clemens (= Friedrich Thieme) Weltbeben (1909) wurde er möglicher Weise dann dazu angeregt, sich 1910 erneut diesem Thema in breiterer Form zu widmen. Kraft zeigt mit seinem Roman, dass er nicht nur Conan Doyle Das Ende der Welt (1913) weit übertrifft, sondern schon 50 Jahre vor den englischen Meistern der Katastrophen- SF J.G. Ballard, John Christopher und John Wyndham eine sehr moderne und realistisch anmutende Weltuntergangs- SF geschrieben hat, die angesichts des globalen Klimawandels unvermutete Aktualität bekommen hat. Die neue Erde dürfte damit der bedeutendste deutsche Weltuntergangsroman des 20. Jahrhunderts sein.
Die Nihilit-Expedition(1909), 256 S.
ist ein origineller und spannender Lost Race Roman, der in seinem Plot an H. R. Haggard Allan Quatermain (1887) erinnert, ohne jedoch an diesen Klassiker des Phantastischen Abenteuerromans heranzureichen. Denn wie bei Haggard ist auch bei Kraft ein ungewöhnliches Schwert Ausgangspunkt für eine Expedition, bei der erst ein Feuersee überwunden werden muss, um eine verschollene Weiße Rasse mit einer allmächtigen Priesterkaste zu entdecken, die in einem Bürgerkrieg entmachtet wird.
Bei Kraft spielt der Roman jedoch nicht in Afrika sondern in der australischen Wüste und das Schwert besteht aus Nihilit, einer natürlich vulkanisch gewonnenen Metalllegierung, die Gegenständen als Metalllack eine unglaubliche Festigkeit und Härte verleiht (also kein SF-Element!). Auf der Suche nach dem Nihilit werden die Protagonisten von dem verschollenen Volk der Wuloden gefangen genommen und zur Herstellung von Waffen und Munition verpflichtet. Die Wuloden sind eine todesverachtende, weiße Rasse die aufgrund des Gedankens der Reinkarnation, einer Altersbegrenzung von 50 Jahren und einer Bevölkerungsobergrenze von 50.000 Personen schon für kleinste Fehler sich freudig in den Tod stürzen und von einer Priesterkaste beherrscht werden. Angebetet wird eine Tigersphinx, die von den Eindringlingen als verkleidete Frau bzw. Tigerin mit Gesichtsmaske enttarnt werden und mit Hilfe der von ihnen hergestellten Waffen mit der Arbeiterkaste das System stürzen. Doch aufgrund einer Dürreperiode fallen die befreiten Arbeiter wieder in ihren alten Glauben zurück, stürze sich auch wieder zur Versöhnung der Göttin in den Tod und nehmen die Eindringlinge gefangen, die bei ihrer Flucht in der Wüste elendig zu Grunde gehen.
Kraft enttarnt hier wie auch später in Die neue Erde Religion als ein bloßes Instrument für die Privilegierung und den Machterhalt einer Priesterkaste. Gleichzeitig zeigt er ein Extrembeispiel dafür, zu was Menschen in ihrer religiösen Verblendung fähig sind. Sollten die Wuloden eines Tages aus ihrem Reich auswandern, dann werden das die religiös motivierten Selbstmordattentäter von heute.
Die Wildschützen vom Kilimandscharo (1908), 389 S.
sind ein hochspannender und sehr englischkritischer Abenteuerroman zu dem auch heute noch aktuellen Thema der Großwilddieberei in einem afrikanischen Tierreservat bei Nairobi. Der Roman wird zunächst von 2 Erzählsträngen zu dem Schicksal bayrisch-schwäbischer Aussiedler getragen. Da ist zunächst der geniale Reinhold Richter, der in Arizona geborene Sohn des deutschen Auswandererleiters, und der sogar Häuptling der Navajos geworden ist und mit dem Reststamm von den Behörden vertrieben nun als eine Art Buffalo Bill Indianerreiterzirkus durch Europa tingelt. In London werden sie von dem englischen Gouverneur Lord Warwick als Wildhüter verpflichtet, um in Ostafrika raffinierten Wilddieben das Handwerk zu legen.
Am Kilimandscharo hat eine andere Gruppe deutscher Auswanderer aus Wolfensee ein echt-bayrisches Dorf mit Lederhosen und Leberknödel errichtet, die von dem kauzigen Original Pastor Alois Sturzbacher geleitet wird.
Erzählerisches Bindeglied ist der melancholische Doktor Felix Freimann, der in dem bayrisch-afrikanischen Dorf ankommt, eine geheime Tunnelverbindung durch den Kilimandscharo zum Sumpflager des Indianerclans, der hier die Wilddiebe verfolgen will, entdeckt.
Richter, vom Gouverneur als oberster Marshal-Forester bestellt, erkennt schon bald, dass nicht die vermutlich deutschen oder burischen Wilddiebe, die lediglich für ihre eigenen Bedürfnisse waidgerecht auf englischem Gebiet jagen, das Problem sind, sondern die englischen Wildhüter und das kostenpflichtige Jagdschein-System, das die ansonsten sehr arme Kolonie finanziert. Mit Explosivgeschossen, die unter Aufsicht der Wildhüter mitten in die Tierherden geschossen werden, werden Hunderte bis Tausende Büffel, Antilopen und Elefanten von englischen Reisegesellschaften getötet. Richter entlässt die englischen „Wildhüter“, ohrfeigt den verantwortlichen Untergouverneur und provoziert so einen Krieg der ehemaligen Wildhüter gegen seinen Indianerstamm. Die bayrischen Wildschützen werden von ihm als neue Wildhüter eingesetzt.
Der sehr spannende Roman wird durch einen leichten Humor getragen und glänzt durch Krafts Detailkenntnis zu amerikanischen und englischen Behörden und dem kolonialen Jagdsystem. Dazu passt dann allerdings wenig das blutige Gemetzel am Schluss, wo die alten und weiblichen Indianer von den englischen Wildhütern grausam getötet werden (was ja leider historisch in der Tat so war) und dies ebenfalls mit über 100 toten Wildhütern gerächt wird. Die Bayern fahren wieder nach Hause, Felix heiratet Käthe, die Schwester von Reinhold und dieser geht mit den überlebenden Indianern zurück nach Amerika. Krafts Roman, der nach seinen Angaben auf Tatsachen beruhen soll, ist ein eindringliches Plädoyer für den Tierschutz und eine waidgerechte und nachhaltige Jagdausübung und eine massive Anklage gegen das damalige barbarische englische Jagdsystem zur Finanzierung ihrer Kolonien.
Die Rätsel von Garden Hall(1908), 208 S.
sind ein flott geschriebener aber nur mäßig spannender Detektivroman, der in der Tradition des englisch-amerikanischen Genres steht, ohne jedoch an einen Conan Doyle auch nur im entferntesten heranzureihen. „Ein junger deutscher Arzt tritt die Stelle als Hauslehrer auf Garden Hall an, der Residenz des (exzentrischen) englischen Lords Roger Norwood. Nicht nur die Tatsache, dass er bereits zwei Stunden nach seiner Ankunft mit der (blut)jungen (und äußerst attraktiven 15-jährigen!) Erbin des seltsamen Lords verheiratet ist, sondern auch viele andere Ungereimtheiten (Ein Haus ohne Türen, eine verschlossene Gebäudeetage und ein Lord, der bis in die Schlafzimmer spioniert.) reizen ihn dazu, die Rätsel von Garden Hall zu lösen,“ so die zutreffende Verlagswerbung. Der „Lord“ entpuppt sich schließlich als Betrüger, der den eigentlichen Titelträger erschlagen hat und in seiner Wohnetage noch mehrer Frauen und die von ihm gezeugten Kinder gefangen gehalten und später vergiftet hat. Dies bekommt der Arzt allerdings nicht durch eigene Recherchen heraus, sondern der „Lord“ beichtet es ihm auf seinem Sterbebett.
König König (1910), 227 S.
Dieser merkwürdige aber nichts desto trotz sehr bemerkenswerte, mehr Gesellschafts- denn Abenteuerroman um eine virtuelle Erlebniswelt erschien 1910 unter dem Titel Wenn ich König wäre und wird von INNERHOFER (1996) als Paradebeispiel einer utopischen Reisesimulation gewürdigt.
Der verarmte Sonderling Otto König, der seit Jahren an einer schriftlichen Ausarbeitung seines Wunschtraumes „Wenn ich König wäre“ arbeitet, die mittlerweile den dreifachen Umfang von Goethes sämtlichen Werken hat, gelangt zu einer Milliardenerbschaft. Nun realisiert er seinen Traum, indem er die „dumme Welt“ mit an Zauberei grenzenden Fähigkeiten düpiert und veralbert und sich sein eigenes unabhängiges Königreich auf dem Luxusdampfer „Utopia“ schafft. Eine schiffbrüchige englische Gesellschaft des Hochadels nimmt er auf und simuliert ihnen u.a durch bildschirmersetzte Bullaugen Reisen auf dem Jangtsekiang und nach Grönland und mittels separater Waggons eine Reise in die Luft und in 9999 m Tiefe – so wirklichkeitsecht mit entsprechenden Geräuschen und Bewegungen vor, dass keiner die Täuschung durch dieses perfekte virtuelle Erlebniskino merkt. Doch für König ist diese virtuelle Welt, sein Königreich und seine Ozeanreise nur ein „Humbug“. Stattdessen will er wieder zurück in seine Berliner Dachkammer „und schreibe weiter an meinem Buch, solche Phantasien sind doch viel schöner als die Wirklichkeit – dann bin ich wieder ein glücklicher Mensch.“ Seine realen Reiseerfahrungen sind enttäuschend, wie dies ja vorher auch schon Karl May erleben musste, die visuelle Erfahrung, so täuschend echt sie auch ist, unbefriedigend, so dass nach LORENZ (1997) der Dichter der wahre König ist, der im Reich der Phantasie unumschränkter Herrscher ist. Ob vor 100 Jahren oder heute, Kino und Literatur wird immer noch dazu genutzt bzw. missbraucht, um aus der eigenen frustrierenden Gegenwart in eine virtuelle Welt zu flüchten. Aktuelles Beispiel dafür ist der erfolgreichste (Fantasy)Film aller Zeiten: Avatar – Aufbruch nach Pandora (2009). Psychologen befürchten hier sogar eine regelrechte Depressionswelle, da die im Film befriedigte Sehnsucht nach einer besseren Welt unweigerlich wieder im grauen Alltag endet. Es sollte daher doch endlich an der Zeit sein, die reale Welt so zu gestalten, dass eine Flucht aus ihr nicht mehr notwendig ist und Kino und Literatur uns dazu lediglich die erstrebenswerten Visionen und Ideale aufzeigen.
Der Titel Wenn ich König wäre erinnert eher an einen Fürstenspiegel, so dass die Namensgebung der Neufassung von 1997, die an das absurde Theater angelehnt ist, durchaus passender zum Romaninhalt ist. Freunde von Karl May oder der Abenteuerliteratur vor dem 1. Weltkrieg werden an dem Roman wenig Freude haben. Allerdings ist Kraft mit König König das gelungen, was er eigentlich erst 1916 mit dem schwachen und für Kraftsche Verhältnisse auch recht lahmen Abenteuerroman Untersee-Teufel erreichen wollte – der Beifall der Literaturwissenschaft für eine auch nach 100 Jahren immer noch aktuelle Science Fiction eines Erlebniskinos der Zukunft.
Fazit der 5-bändigen Kraft-Reihe 1996/1997
Die einfach und deshalb preisgünstig gestaltete Reihe wurde nach nur 5 Bänden vor 13 Jahren vom Karl May Verlag sehr wahrscheinlich aufgrund des mangelnden Leserinteresses wieder eingestellt. Sicherlich haben sich die Lesegewohnheiten spätestens seit den 90er Jahren zugunsten von Videos, DVD und Internet stark gewandelt. Doch wird Karl May auch heute immer noch gelesen und es werden immer noch neue Bände aufgelegt. Warum konnte Kraft in der aktuellen Lesergunst nicht mit May konkurrieren. Zum einen lag dies sicherlich an der doch im Gegensatz zu der roten Reihe Wir Seezigeuner arg einfachen bzw. lieblosen Gestaltung der rot-violetten Pappeinbände. Zum anderen aber sind mit Die Rätsel von Garden Hall und König König auch Romane aufgelegt worden, die nicht nur keine Phantastischen Abenteuerromanewie Die Nihilit-Expedition und Die Wildschützen vom Kilimandscharo sind, sondern denen auch die für Kraft so typischen Spannungselemente fehlen. Besser wären dafür die folgenden Romane gewesen: Im Panzerautomobil um die Erde (1908), Der Herr der Lüfte (1909) und Im Zeppelin um die Welt (1909). Die meisten an der klassischen deutschen SF Interessierten werden jedoch dem Karl May Verlag danken, dass sie die kaum noch zu bekommenden Vorkriegsausgaben der SF-Meisterwerke Die neue Erde und Wenn ich Königwäre nun endlich überhaupt einmal lesen konnten.
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Über Anregungen und bibliographische Ergänzungen freut sich besonders: